Onkel Freiheitsgebot von 2014

Onkel’s Freiheitsgebot

Ich habe nichts gegen das Reinheitsgebot von 1516. Viele deutsche Brauereien haben es Jahrzehnte lang erfolgreich als Grundlage für ihr Marketing im In- und Ausland genutzt. Darüber hinaus hat es eventuell dazu beigetragen, dass es in Deutschland kein „Oettinger Extra-Light“ mit Reis statt Gerstenmalz gibt. Dennoch könnte ich an dieser Stelle anmerken, dass das Reinheitsgebot in seiner ursprünglichen Form heute nicht mehr existiert und die an seine Stelle getretenen gesetzlichen Verordnungen den Begriff der „Reinheit“ zum Teil ad absurdum führen. Doch darum geht es mir gar nicht. Die Brauereien, die Bier weiter nach dem Prinzip des Reinheitsgebots produzieren wollen, sollen dies auch weiter tun – mir selbst lässt das Reinheitsgebot jedoch nicht den nötigen Freiraum.

Denn Protektionismus wie er durch das Reinheitsgebot verordnet wird (das Bayrische Reinheitsgebot von 1516 wurde erst 1906 im ganz Deutschland gesetzlich verankert um den Import von englischen Bieren zu erschweren) hat auch seine dunklen Seiten. Statt Innovation zu ermöglichen und Experimentierwillen zu fördern, werden Brauer in ein enges Korsett geschnürt. Zwar lassen sich mit den bekannten Bierzutaten Wasser, Malz, Hopfen und Hefe erstklassige Biere herstellen. Solange aber Zutaten natürlichen Ursprungs sind und gut schmecken, verdienen es diese Zutaten zu Bier verarbeitet zu werden. Dabei geht es nicht darum Bier zu panschen, sondern ihm neue Geschmacksnuancen zu verpassen. Früchte, Kaffee, Gewürze und viele andere Zutaten können Bier einen unbeschreiblichen Charakter verleihen, der in dieser Vielfalt nicht ausschließlich mit Hopfen, Malz und Hefe darstellbar ist. Im richtigen Maß lässt sich so ein hervorragendes Produkt noch besser machen und kann ein noch geschmacksintensiveres Ergebnis erzielt werden.

Da solche Ansichten mit dem Reinheitsgebot nicht zu vereinbaren wären, sehe ich mich gezwungen hiermit das

Freiheitsgebot von 2014

auszurufen. Nach dem Freiheitsgebot steht es einem Brauer frei die Zutaten für sein Bier selbst zu bestimmen solange diese eingesetzt werden um ein besseres Bier zu produzieren, anstatt Kosten in der Produktion zu sparen und die Konsumenten vollumfänglich über die Zutaten aufgeklärt werden. Mit diesem Schritt in Richtung Offenheit und Transparenz soll eine alternative Produktionsart zum Reinheitsgebot geschaffen werden die neue Wege öffnet, anstatt überholte Wege zu zementieren. Es geht dabei jedoch nie darum den Konsumenten hinters Licht zu führen, sondern ihm umfänglich zu informieren (siehe dazu auch meinen kommenden Beitrag zum Thema Transparenz) und die Palette verfügbarer, hochwertiger Produkte zu erweitern.

Um meiner Frustration über den aktuellen Stand der Rechtslage in Deutschland Ausdruck zu verleihen hier ein Ausschnitt meiner Kommunikation mit dem Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz, die für die Überwachung der korrekten Deklaration von Bierspezialitäten zuständig sind. Meine konkrete Anfrage drehte sich um die inhaltliche Gestaltung des Etiketts für eines unserer ersten Biere welches sowohl Milchsäure als auch Fruchtsaft enthält.

Bei der von Ihnen vorgetragenen beabsichtigten Produktbeschreibung würde für einen potentiellen Verbraucher der Eindruck erweckt werden, als ob es sich um ein Bier handeln würde […]

Stimmt – das ist auch meine Intention. Wenn es kein Bier wäre, müsste ich auch keine Biersteuer zahlen.

[…] Nach §1 Abs. 1 der Bierverordnung (BierV) darf ein derartiges Getränk unter der Bezeichnung Bier bzw. ähnlichen Bezeichnungen oder bildlichen Darstellungen, die den Anschein erwecken, als ob es sich um ein Bier handelt, nur in den Verkehr gebracht werden, wenn es den Anforderungen des vorläufigen Biergesetzes entspricht.
Nach überschlägiger Prüfung Ihrer beabsichtigten Verkehrsbezeichnung erfüllt Ihr Produkt nicht alle Anforderungen.[…]

Aha – und jetzt?

Das Absurde an dieser Situation ist, dass mich das Gesetzt zwingt aufgrund des relativ niedrigen Alkoholgehalts (bzw. korrekterweise aufgrund des niedrigen Stammwürzegehalts) „Schankbier“ auf die Flasche zu schreiben, so dass zusammen mit Sortenbezeichnung natürlich der Eindruck erweckt wird es handele sich um Bier (was es in meinen Augen ja auch ist). Da der Gesetzgeber das nicht zulässt, bleiben also drei Optionen.

  1. Zumindest den Begriff „Bier“ auf dem Etikett vermeiden, den Kopf einziehen und hoffen dass niemand klagt
  2. Eine Ausnahmegenehmigung beantragen – hat bei der Klosterbrauerei Neuzelle nur knapp über 10 Jahre gedauert, bei Bitburger bzw. Köstritzer geht es scheinbar schneller
  3. Im Ausland brauen

Letztere Option habe ich am Ende gewählt und werde in Belgien brauen. Ich glaube dass ich hier einen Partner gefunden habe der mir zum einen den Freiraum erlaubt ungewöhnliche Biere zu brauen und zum anderen unglaubliche Expertise bei der Herstellung der verschiedensten Bierstile mitbringt. Mehr dazu dann in den kommenden Wochen wenn ich unsere Biere vorstelle.

Damit der Endverbraucher aber nicht hinteres Licht geführt wird und glaubt er würde ein klassisches deutsches Bier nach dem Reinheitsgebot von 1516 trinken, werden ich ganz klar kennzeichnen dass Onkel Bier nach dem Freiheitsgebot von 2014 gebraut wird. So können am Ende alle glücklich sein, sowohl die Verfechter des deutschen Reinheitsgebot als auch ich mit meinem Bier das kein Bier ist und doch ein Bier ist.

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  1. […] nennen, wenn er es auf deutschem Boden brauen würde. Der Slogan der Brauerei „Gebraut nach dem Freiheitsgebot“ spiegelt seine Einstellung zu dieser Engstirnigkeit gut wieder. Das Reinheitsgebot besteht als […]

  2. […] Philipp Roberts ist ein neuer Stern am deutschen Craftbier-Himmel und außerdem verfechter des Freiheitsgebots. Sein belgisches Saison, welches eine Abwandlung des Weißbieres ist, schmeckt erfrischend, […]

  3. […] Fruchtsäfte, Kaffee, Gewürze und viele andere Zutaten einsetzen – alles im Rahmen des Freiheitsgebots und mit dem Ziel unsere Biere noch geschmackvoller zu […]

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