Onkel Herbert und Onkel Albert stellen sich vor

Es soll ja auch Leute geben die bei einem Krimi immer erst einmal das Ende lesen, weil Sie die Spannung nicht aushalten. Um dieser Gruppe gerecht zu werden schon einmal vorab:

 
Onkel Herbert - Rhabarber Weisse - Label (website)
Onkel Albert - Saison - Label (website)

Wenn ihr diesen Text noch lest, habt ihr scheinbar Interesse auch den Rest des Krimis zur Entstehung meiner beiden ersten Biere zu lesen – sehr schön.

Die Geschichte von Onkel Herbert

Das erste Bier, das ich unbedingt herstellen wollte war die Berliner Weisse (der Berliner Brauerbund hält das Markenrecht an diesem Namen und vergibt ihn nur an regionale Mitglieder, sodass Onkel Herbert eine „Weisse nach Berliner Vorbild“ ist). Meine Liebe zu Sauerbieren entwickelte sich als ich vor Jahren das erste Mal in Belgien war. Die belgischen Sauerbiere waren zwar sehr sauer, boten aber zeitgleich eine ungeahnte Aromenvielfalt und es war für mich eine große Freude diese neue Getränkekategorie zu entdecken.

Wenn man sich mit der deutschen Biergeschichte befasst, führt als Äquivalent zu den belgischen Sauerbieren kein Weg an der Berliner Weisse vorbei. Lange war Berliner Weisse einer der erfolgreichsten regionalen Bierstile. Angeblich lobte sogar Napoleon Berliner Weisse den „Champagner des Nordens“ (da ich mir nicht vorstellen kann, dass ein Franzose ein deutsches Alkoholisches Getränk so loben würde, muss das entweder ironisch gemeint gewesen sein oder ein Fehler in der Überlieferung vorliegen). Letztendlich wurde die Berliner Weisse dann allerdings (leider) vom allgegenwärtigen Pils weitestgehend verdrängt. Die Industrialisierung der Produktion der Berliner Weisse durch Radeberger führte schließlich dazu, dass auch die letzte verbreitete Sorte auf dem deutschen Markt – Berliner Kindl – nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Der charakteristische Geschmack und das Aromenprofil der Berliner Weiße wurde nämlich seit jeher durch Brettanomyces (der Einfachheit halber meistens einfach nur „Brett“ genannt) bestimmt, einer alten, wilden Bierhefe. Da der Gärvorgang mit dieser Hefe nur schwer zu beherrschen ist und sie leicht andere Biere „kontaminieren“ könnte, mag sie so gar nicht zur klinisch-neutralen Produktion von modernen Pils-Bieren passen und wurde praktisch komplett aus deutschen Brauereien verbannt.

An dieser Stelle erwies es sich als absoluter Glücksfall, dass ich bei der Suche nach der besten Brauerei für die Produktion meiner Biere (ich habe bisher keine eigene Brauerei, sondern nutze als Kuckucks-Brauer oder Gypsy-Brewer die Brauanlage von anderen) auf Dirk Naudts von deProef Brouwerij in Belgien gestoßen war (Dirk braut unter anderem auch viele der hervorragenden Mikkeller Biere). Als ich ihm das erste Mal davon berichtete, dass ich gerne eine original Berliner Weisse mit Brettanomyces brauen wollte, zuckte er (im Gegensatz zu einigen deutschen Brauern die mich auf meine Anfrage hin am liebsten aus ihrer Brauerei geworfen hätten) nicht mal mit der Wimper, sondern freute sich auf die Herausforderung einen neuen Bierstil mit mir in seiner Brauerei herzustellen.

Zu guter Letzt ist zu Onkel Herbert noch zu erklären wie der Rhabarber in das Bier gekommen ist. Ich persönlich trinke Berliner Weisse sehr gerne pur – leider ist es aber eine Unart in Deutschland Berliner Weisse mit künstlichem Sirup nachzusüßen. Da ich unbedingt verhindern wollte, dass jemand auf die Idee kommt, künstlichen Waldmeistersirup in meine Weisse zu schütten (P.S.: Ein Strohhalm hat darin auch nichts verloren), wurde die Idee geboren zusätzliche Früchte direkt in den Gärtank zu geben und so das wunderbare Aromenprofil der Weisse noch zu erweitern. In Belgien sind Früchte in den Lambics ja durchaus eine feste Institution, so dass ich über die Jahre hinweg viele „klassische“ Früchte wie z.B. Kirschen, Himbeeren, Pfirsichen und Johannisbeeren ausprobierte. Der geschmackliche Durchbruch kam schließlich durch die Beigabe von Rhabarberpüree als einer der „deutschsten“ Früchte (jaja, ich weiß es ist technisch gesehen ein Gemüse…), so dass ich mich für diese Kombination als meine erste Weisse entschied.

Herausgekommen ist ein Bier (ich braue in Belgien – also soll/darf das Kind bitte auch beim Namen genannt werden und nicht „alkoholhaltiges, mit Hefe vergorenes Rhabarbermischgetränk“ wie man mir von offizieller Seite vorgeschlagen hatte…), das perfekt zum Sommer passt. Aufgrund des gemäßigten Alkoholgehalts und wegen der erfrischenden Säure kann man gerne auch mal ein paar davon in der Sonne genießen. Wer grade keinen Strand/Rasen/Balkon zum genießen hat, kann Onkel Herbert aber auch wunderbar an der Bar ihrer/seines Vertrauens genießen – für mich perfekt um den Abend zu beginnen. So oder so sollte man die Weisse allerdings aus dem Glas genießen, denn auch wenn ich gerne ein Bier aus der Flasche trinke, würden hierbei einfach viele der tollen Aromen den Bach runter gehen.

Zuletzt eine kurze Mitteilungen an die Franzosen: Unabhängig, was Euer ehemaliger Kaiser gesagt oder nicht gesagt hat, ihr könnte Euren Schampus gerne behalten – Onkel Herbert ist mir allemal lieber.

Onkel Albert stellt sich vor

Die Geschichte von Onkel Albert ist etwas komplexer bzw. von einigen Umwegen und vielen, vielen Brauversuchen gekennzeichnet. Um die richtige Stimmung zu erzeugen müsste ich die Geschichte eigentlich mit einem Bier am Lagerfeuer erzählen. Um der Sache zumindest nahe zu kommen, empfehle ich an dieser Stelle eine kurze Pause einzulegen um ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen während ich etwas Unterhaltungsmusik spiele.

Zurück? Gut – dann geht’s weiter.

Kaum einer der „jungen Brauer“ in Deutschland produziert aktuell nicht mindestens ein Pale Ale oder ein IPA. Da ich beide Bierstile selbst gerne trinke, experimentierte ich lange mit den verschiedensten Malzmischungen, Hopfensorten und Hefen auf der Suche nach dem perfekten Bier für mich. Obwohl die Ergebnisse dieser Experimente immer (na ja, um ehrlich zu sein – fast immer) saulecker waren, hatte ich das Gefühl, dass meine Biere zu nah an existierenden Produkten im In- und Ausland lagen und das letzte was ich wollte, war ein Bier zu brauen, dass eigentlich nichts Neues ist.

Je mehr ich darüber nachdachte, wurde mir klar, dass der wahre Innovationsbedarf in diesem Bereich aktuell nicht in neuen Sorten liegt (es gibt wahrlich aktuell eine ganze Reihe von sehr guten Beispielen), sondern eher in der Frische der Produkte, denn nichts schmeckt schlechter als ein altes IPA. Stone hat dieses Konzept auf die Spitze getrieben mit ihrer „Enjoy by“-Serie, die wirklich nur 35 Tage nach der Abfüllung im Handel verfügbar ist. Um das möglich zu machen bedarf es einer sehr schnellen Lieferkette und natürlich sehr hoher Nachfrage. Beides war für mich als „Neuling“ erst einmal nicht gegeben, sodass ich die Idee eines eigenen Pale Ale’s vorerst begrub.

Stattdessen drehte ich den Spieß um und fing mir an Gedanken zu machen welche Bierstile mir (neben der Berliner Weisse) noch auf dem deutschen Biermarkt fehlten. Lange Zeit hatte ich u.a. überlegt ein Wit zu brauen und hätte mich damit in die Liga derjenigen eingereiht, die in diesem Sommer die deutsche Bierlandschaft mit diesem Stil bereichern. Da ich vorhabe diesen Stil mit einem saisonalen twist zu versehen (mehr wird jetzt noch nicht verraten), habe ich das Konzept aber erst einmal hinten angestellt. Unabhängig davon stach jedoch ein weiterer Stil aus meiner langen Bierliste heraus – das Saison.

Saisons stammen aus der Wallonie im Süden Belgiens und gehören zu den ältesten konstant existierenden Bierstilen. Über die Jahrhunderte hinweg hat sich das Saison durch den landwirtschaftlichen Fortschritt und das sich wandelnde Konsumverhalten immer weiterentwickelt, so dass man heute fast nicht mehr von DEM Saison sprechen kann. Historisch wurden Saisons im Winter gebraut, wenn auf den Höfen relativ wenig zu tun war und dann bis in den Sommer bzw. Herbst gelagert. Während der Erntezeit wurden sie dann ausgeschenkt um den Durst der hart arbeitenden Feldarbeiter zu stillen, denn sicheres Trinkwasser war nicht immer verfügbar (und weniger lecker – ich sage auch immer, dass ich von Wasser Bauchschmerzen bekomme, aber mir glaubt ja niemand…). Auch wenn „Arbeitsschutz“ ein Wort der Neuzeit ist, wollte man auch damals regelmäßige Unfälle mit der Sense oder anderen Arbeitswerkzeugen verhindern, so dass diese Biere einen relativ niedrigen Alkoholgehalt von nur knapp 3% vol. alc. hatten. Der stärkere Alkoholgehalt entwickelte sich erst über die Jahre, als sich das Saison immer weiter zum Genussmittel entwickelte. Um das Saison haltbarer zu machen, wurde das Bier allerdings schon damals häufig stark gehopft, denn man hatte früh die bakteriziden Eigenschaften dieser Pflanze erkannt. Dass der Hopfen hervorragend zum erfrischenden Aroma des Saison passt hat wahrscheinlich auch geholfen…

Die eigentlich Hauptrolle in diesem Bier spielt jedoch die Hefe. Anders als bei den in Deutschland bekannten Weißbieren, produziert die Saisonhefe keine Nelken- und Bananenaromen, sondern wunderbare Pfeffer- und Gewürznoten. Unterstrichen werden diese Aromen manchmal durch die Beigabe von weiteren Gewürzen, was die Sortenvielfalt damit noch zusätzlich erweitert. Unterstützt durch die Heu-, Blumen und Zitrusaromen der verwendeten Hopfensorten ergibt sich so ein Bier mit einer ungeheuren Aromenvielfalt, das schlichtweg unglaublich gut schmeckt und Lust auf mehr macht.

Das Saison stellt faktisch für den Brauer eine wahre Spielwiese dar und die Vielfalt dieser Biere, die in Belgien und dem Rest der Welt verfügbar sind, wird diesem Umstand absolut gerecht. In Deutschland hingegen such man danach bislang zumeist vergeblich und ich finde das ist eine absolute Schande!

Aus diesem Grund war es meine Absicht bei der Entwicklung von Onkel Albert ein Bier zu schaffen, dass interessierte Biertrinker abholt und ihnen diesen fantastischen, wenn vielleicht auch ungewohnten, Bierstil vorstellt. Es ging nicht darum das extremste Bier herzustellen, sondern ein Bier zu brauen, in dem die verschiedenen Zutaten gut miteinander harmonieren und die Aromen intensiv, aber nicht überwältigend sind.

Entsprechend den historischen Vorlagen wird das Bier verhältnismäßig stark mit Merkur und Hallertau Mittelfrüh gehopft (deutlich mehr als die modernen Fernsehbiere). Dabei herausgekommen ist etwas was in den ersten Tastings als „teasing bitterness“ beschrieben wurde: Man nimmt einen Schluck, spürt wie die bitteren Aromen die Kehle runterlaufen und nimmt schnell noch einen Schluck, weil es so schön gekribbelt hat (im Hals, nicht im Bauchnabel – überlasse das aber jedem selbst). Zwischen das Bittere mischen sich noch die blumigen-, fruchtigen- und Zitrusaromen des Hopfens und natürlich die würzigen Hefearomen der zwei Hefebeigaben (das Bier wird mit frischer Hefe in der Flasche nachvergoren). Zusammen mit dem schlanken Malzkörper und der geringen Restsüße ist es ein Bier von dem man (ich) gerne auch mal mehr trinkt – nach der Arbeit, vor dem Essen, beim Essen, nach dem Essen, usw.

An dieser Stelle ist mein eigenes Bier übrigens alle und die Geschichte von Onkel Herbert und Onkel Albert erzählt. Somit bleibt mir nichts anderes übrig als zu sagen: Prost – ich freue mich auf das erste Bier mit Euch allen.

3 Antworten
  1. Philipp mit einem L
    Philipp mit einem L says:

    Ich freue mich sehr, dass es dem geschätzten Kollegen gelungen ist, in einem Blogbeitrag gleich 3 meiner Fetische unterzubringen: Saisonbiere, Rhabarber und Country. Fehlen eigentlich nur noch dicke Bohnen und Stielmus! Alles Gute zum Start von Onkel Herbert und Onkel Albert!

    Antworten
    • Phillip
      Phillip says:

      Hallo Philipp, danke Dir für die Glückwünsche! Die Verbindung zu dicken Bohnen (mit Speck) und Stielmus (mit Sauerbraten) ist denkbar einfach (und wurde daher gar nicht explizit erwähnt. Man trinkt als Aperitif einfach Onkel Herbert und genießt dann zu einem bzw. beiden Gerichten Onkel Albert. Die einzige Frage, die jetzt noch offen bleibt, ist wo ich jetzt eines der Gerichte herbekomme?! Gibt es das Äquivalent eines Ohrwurms für Gerichte…

      Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] ist Europäer: Erdacht in Düsseldorf und gebraut in Belgien als Berliner Weisse. So darf sich Onkel Herbert aber nicht nennen, denn das ist eine vom Berliner Brauerbund geschützte Bezeichnung, reserviert […]

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *